David Cameron & die europäische Musik – eine Glosse

 The Sun, London: Cameron rüttelt am Fundament der EU / Sanudo in Public Service Europe: Ja oder Nein / Dave Brown in Independent: vor dem britischen Boxer / Economist: Europa im afrikanischen Schlachtfeld / Hajo in La Tribune, Paris: europäische Solidarität wird do praktiziert



Vor vielen Jahren habe ich für eine längere Zeit in Brüssel residiert. Meine Aufgabe war es, aus dem angeblichen Entscheidungszentrum Europas aktuell und authentisch zu berichten. Zweifelsohne eine spannende journalistische Herausforderung! Ich konnte die Vielfalt des alten Kontinents in großen Zügen genießen. Im europäischen Turm von Babel habe ich täglich meine diversen Sprachkenntnisse angewendet. Die französische Küche belgischer Version galt damals als fast die beste der Welt. Ich war rundum zufrieden.



Doch nach und nach erkannte ich, dass ich eigentlich am falschen Ort bin. Es begann beim Treffen mit einem älteren Herrn aus der Brüsseler jüdischen Gemeinde. Er sagte mir sinngemäss: Wir Juden, die hier leben, sind eigentlich die besten Europäer. Vielleicht gar die Einzigen. Alle andere sind lediglich Möchtegern-Europäer, die nach Brüssel gekommen sind, um für die Interessen ihrer jeweiligen Länder zu kämpfen. Jeder will etwas mehr für sich holen. Die europäische Einheit wird es nur geben, wenn in unserem Sinne gehandelt wird. Wenn Europa nämlich ein eigener, vereinigter Staat wird, in dem die politische und wirtschaftliche Solidarität alle nationale Grenzen tatsächlich überwindet.

Das war starker Tobak. Ich habe argumentiert, dass es so schnell nicht geht. Man kann nicht ernsthaft verlangen, dass die nationalen Schranken fallen. Man darf die Lage nicht so überzogen darlegen. Die Europäer brauchen einfach Zeit, um sich näher zu kommen und ihre neuen, gemeinsamen Interessen selbst zu entdecken. Dann kommen sie schon selbst auf die Idee, dass die alten Strukturen grundlegend geändert werden müssen. Der Lernprozess beinhaltet, dass zwischendurch ein Moloch entsteht, der zunächst mal die wahre Einigung mit einem teuren, bürokratischen Apparat verdeckt.

Der Anlass dieses Berichts ist natürlich die dramatische Rede des britischen Premiers David Cameron. Er und sein Land wollen die oben beschriebenen Zustände nicht mehr hinnehmen. Sie wollen die Spielregeln in Brüssel wirklich ändern. Und sie drohen damit, in absehbarer Zeit der Europäischen Union den Rücken zu kehren. Dafür soll in zwei Jahren ein Referendum durchgeführt werden. Das Volk wird dann selbst entscheiden, ob Großbritannien ein EU-Mitglied bleibt oder nicht.

Ich komme bekanntlich vom Orient. Ich bin hier lediglich zu Gast. Ich äussere keine Präferenz. Man hat mich ohnehin nicht danach gefragt. Doch gerne will ich die kleine Geschichte oben abrunden. Warum bin ich nicht in Brüssel geblieben? Warum lebe ich zur Zeit in Berlin? Warum habe ich immer wieder versucht, in Zentren wie London, oder Paris, oder Madrid oder Rom präsent zu sein? Die Antwort lautet ganz einfach: ich habe ziemlich schnell entdeckt, dass in Brüssel zwar viel geredet und geschrieben wird. Doch die richtigen, wichtigen Entscheidungen fallen in den genannten nationalen Hauptstädten. Es ist meine journalistische Aufgabe, möglichst da anwesend zu sein, wo die Musik spielt.

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