Ägypten unter Morsi: die Prioritäten des islamistischen Präsidenten

Ronny Gordon in Ma'ariv, Tela Aviv: Morsi - der neue Pharao / Al Ahram, Cairo: Richtungsstreit blutig ausgetragen



Der ägyptische Präsident Mohamed Morsi ist ein intelligenter, vernünftiger Mensch. Das hat er mehrfach bewiesen. Er hat teilweise eine westliche Ausbildung. Insofern ist er ein Mann der großen Welt. Er ist keineswegs ein unverbesserlicher Fanatiker, der null Ahnung von Modernität und Fortschritt hat. Er kann der Realität wohl ins Auge schauen.



Dennoch stellt sich die Frage, warum Morsi die Situation seines Landes kontinuierlich verschlechtert, statt sie zu verbessern. Nach westlicher Logik hätte Morsi zunächst mal seine Landsleute in Lohn und Brot bringen sollen. Er hätte alles tun müssen, um Investoren ins Land zu locken. Er hätte dafür sorgen müssen, dass wieder Millionen Touristen nach Ägypten stürmen um die alten Schätze der Pharaonen zu bewundern. Er hätte und müsste und sollte...

Doch Morsi tut es eben nicht. Durch die Politik, die er jetzt betreibt, verschreckt er die Investoren. Durch die Provokationen gegen die weltlich-orientierten Eliten und die liberalen Kräfte verusacht er Unsicherheit und Gewaltanwendung. Durch die Begünstigung von radikalen Kreisen schafft er eine Atmosphäre, die für Besucher aus dem Ausland alles andere als attraktiv ist. Was ist nun los? Warum verhält sich Morsi gegen die eigenen Interessen des Volkes, das ihn vor kurzem auf den Stuhl des Präsidenten hievte?

Die ehrliche Anwort lautet: bei aller Aufklärung und Vernunft hat Morsi andere Prioritäten, als nach westlicher Denkweise vermutet wird. Die religiöse Überzeugung und die ideologische Ausrichtung sind für ihn wichtiger als die kolossale Aufgabe der Bekämpfung von Armut. Die islamistischen Grundsätze sind ihm bedeutsamer als eine gesunde Wirtschaft. Geordnete Verhältnisse und Wohlstand sind zwar erstrebenswert. Doch sie kommen erst an zweiter oder dritter Stelle.

Wichtiger ist es für Morsi, Ägypten und die arabische Welt insgesamt an den islamistischen Prinzipien zu orientieren. Was bisher geschah und geschieht in dieser Hinsicht ist ihm viel zu wenig. Er will die Sharia einführen - notfalls durch die Hintertür. Er träumt von den großen Zeiten, in denen die Muslime alleinige Herrscher im Orient waren. Er will womöglich ein Kalifat etablieren. Er sieht eine historische Chance für Ägypten, eine führende Rolle als die islamistische Macht zu übernehmen.

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