Meine Busfahrt von Baltimore nach New York: so habe ich die Krise der Printmedien zu spüren bekommen

Bussfahrt Baltimore-New York: WLAN Verbindung ist eine Selbstverständlichkeit; Ablage für Zeitungen aber fehlt!



Es gibt verschiedene Wege, die Krise der Printmedien zu erleben und zu beschreiben. Hier ist einer. Es ist der Weg, den ich vor wenigen Tagen auf einer Busfahrt von Baltimore nach New York zurückgelegt habe.



Gleich am Anfang der Fahrt ist mir aufgefallen, dass sehr viele Passagiere im Internet surften. Kaum jemand hat auch nur ein Wort mit seinem Nachbarn gewechselt. Fast jeder war mit iPhone oder iPad oder Laptop ausgestattet. Keiner las eine Zeitung oder eine Zeitschrift.

Ich wollte bewusst den Paradiesvogel spielen und holte aus meiner Tasche eine frische Ausgabe einer kleinen Zeitung, an der ich selbst mitgewirkt habe. Es war eine von Familienmitgliedern und Freunden nachgemachte Ausgabe der wichtigen Regionalzeitung Baltimore Sun, die einer privaten Feierlichkeit gewidmet war. Es war eine echte Zeitung - auf Papier gedruckt. Man konnte sie falten und drehen und wenden. Die (meist lustigen) Geschichten waren buchstäblich in den Händen zu spüren!

Nach einiger Zeit wollte ich die Zeitung in der Ablage vor meinem Sitz verstauen, um mich mit meiner Frau über die aller letzte Story auszutauschen. Doch die Ablage fehlte. Das Busunternehmen kennt wohl seine Kunden und weiß, dass sie nicht mehr vom Papier lesen. Kosten für die Ablage gespart - fertig!

Dafür ist aber der Zugang zum High-Speed Internet im Busticket enthalten, das übrigens nur mickrige 15 Dollars kostet. An dieser Stelle fühle ich mich schon fast isoliert. Ich bin der einzige hier im Bus, der eine normale Zeitung überhaupt liest. Ich bin wohl der letzte, der noch nicht den kostenlos angebotenen Internet-Zugang in Anspruch nimmt. Ich, der unmoderne komische Vogel.

Prompt holte ich meinen mitgebrachten Laptop aus der Handtasche und schaltete ihn ein. In wenigen Sekunden kam ich Online. Und als erstes verlinkte ich mich mit der Dropbox (ein virtueller Ordner), in der die besagte Ausgabe von Baltimore Sun zugänglich war. Somit kam ich ebenfalls in der modernen Welt an. Nun bin ich ein Zeitungsleser wie alle andere.

Als nächstes surfte ich durch diverse Zeitungen, die von USA Kollegen hergestellt werden. Sofort ist mir ein Bericht der Baltimore Sun und vielen anderen Medien aufgefallen - hier ein Beispiel aus der Los Angeles Times: die gute alte, bald ausgediente amerikanische Wochenzeitschrift Newsweek wird es ab 2013 nur noch digital geben. Die gedruckte Ausgabe wird ersatzlos gestrichen.

Denken Sie bloß nicht, dass ich durch diese Erfahrung meinen Glauben an die Printmedien restlos verloren habe. Keineswegs! Das gedruckte Papier taugt unbedingt als eine wichtige Ergänzung der elektronischen Zeitungen. Wir werden wahrscheinlich nie ganz darauf verzichten, und das ist auch gut so.

Das weiß ich von meinem Sohn David (hier ein Bericht von ihm), der bei der oben genannten Feierlichkeit dabei war. Er rief mich in New York an und sagte, dass er die von uns produzierte Zeitung verlegt hat und sehr vermisst. Vielleicht, fragte David verzweifelt, hätte ich noch eine Kopie in Reserve?

Leider konnte ich nicht auf der Stelle helfen. In Baltimore und Umgebung war unsere gedruckte Zeitung vergriffen. Allerdings hatte ich eine Restkopie in New York dabei und versprach sie unverzüglich (allerdings total altmodisch) per Post zu schicken. Als Zwischenlösung bot ich den Link zur Dropbox an, in der alle Texte und Photos zu sehen waren und die Zeitung in vollem Umfang elektronisch erscheint.

Kommentar meines Sohnes, den ich hier anschließe: das ist erstmal eine Notlösung; doch ein Ersatz für die gedruckte Ausgabe ist das noch lange nicht.

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