Wer suchet, der findet… das gilt aber nicht mehr für die Deutsche Frage! / 20 Years of Unification: The German Question has all but disappeared / גרמניה בלי השאלה הגרמנית

Dieser Beitrag erschien in der letzten Ausgabe der Zeitschrift Das Parlament; hier Auschnitte (Foto im Text: Akiva Kaminski) / Grünfläche, Radweg und Blumen statt innerdeutsche Grenze (Fotos: Claudia Himmelreich)



דניאל דגן - Während ich diese Zeilen in meinem Arbeitszimmer in Berlin-Mitte schreibe, sehe ich von meinem  Fenster aus Besucher, die ganz intensiv etwas suchen. Sie treten in kleinen und großen Gruppen auf, erscheinen auch solo, kommen zu Fuß, per Rad oder auf elektrischen Rollern, auf denen sie im Stehen auch noch Erklärungen mithören. Was wird ihnen bloß erzählt?

Gehe ich auf die Straße und nähere mich den Besuchern, bekomme ich mit, was gefragt und gesagt wird. Die Themen sind fast immer gleich: Krieg. Trennung. Teilung. Mauer. Und die Suche geht kontinuierlich weiter. Wo ist etwas von dem zu sehen, über das so spannend erzählt wird?

Die Antwort ist spärlich. Und für die Besucher häufig enttäuschend. Im wirklichen Leben gibt es kaum etwas zu sehen. Die Teilung ist passé. Die Mauer wurde schon längst abgetragen. Der Führer-Bunker – heute nichts mehr als ein langweiliger Parkplatz. Weit und breit ist nichts von dem zu sehen, worüber die Stadtführer erzählen.



Zugegeben: An einigen Stellen in Berlin stehen noch Mauer-Teile. Aber solche kann man inzwischen auch in New York, in Paris und in vielen anderen Städten der Welt finden. Sie wurden dahin transportiert, um als Denkmal zu dienen. Sie werden zudem als Kunstobjekte angeboten – und erzielen hohe Preise. Geschäft ist Geschäft.

Doch wo ist bei alldem die Politik? Wenn schon nicht die Teilung selbst – wo sind bitteschön die Spuren der Teilung? Haben Deutschland und Europa die „Deutsche Frage“ wieder vergessen? Wollte vielleicht die ganze Welt die Erinnerung an diese Frage wegwischen?

Die Antwort auf die von mir beschriebene Suche liegt in dem Wort „Frage“. Die touristische Suche nach den Überresten von Mauer und Teilung ist eigentlich die Suche nach der alten Frage, die über viele Generationen hinweg die „Deutsche Frage“ hieß. Aber die Deutsche Frage gibt es nicht mehr!

Dabei waren doch so viele Dissertationen über diese  Frage geschrieben, so viele Bücher dazu veröffentlicht, so viele Konferenzen abgehalten worden. Es wurden sogar mehrere Kriege geführt, in verschiedenen Konstellationen – und nun soll es die Deutsche Frage nicht mehr geben…

Mit der Deutschen Frage wurde ich zunächst als Jugendlicher in meinem Kibbuz Mishmar Ha'emek konfrontiert. Im Geschichtsunterricht haben wir gelernt, dass Deutschlands Stellung in Europa schon immer für Konflikte sorgte. Dem Zweiten Weltkrieg – für den wir uns natürlich besonders interessierten – ging der Erste Weltkrieg voraus. Und zuvor vergingen mehr als 100 Jahre im Streit und Kampf um Grenzen und territoriale Ordnung. Eigentlich sogar über die Definition dessen, was Deutschland ausmacht.

In meinem Kibbuz lebten überwiegend polnische Juden. Enge Verwandte oder Freunde der Mitglieder wurden ermordet. Mehrere von ihnen leisteten Widerstand im Warschauer Getto und in anderen Orten. Für sie wurde das Denkmal Pinat Ha'gola (Ecke der Diaspora) errichtet – und das noch während der Shoa. Zwar hatte man noch keine gesicherten Erkentnisse über den Massenmord an den europäischen Juden. Doch man ahnte, dass etwas ganz Schreckliches passiert. Und man setzte dafür ein Denkmal, das nach meiner Überzeugung weltweit das bestgelungenste ist. Es war – und ist auch heute – hinter Bäumen versteckt. Es ist geheimnisvoll. Es regt dazu an, sich mit der reizvollen Deutschen Frage gründlich auseinanderzusetzen.

Schon damals hörte ich Begriffe wie Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation, Rheinbund, Deutscher Bund, preußisch-österreichischer Dualismus, Großdeutsche und Kleindeutsche Lösung. Und es ging ja immer weiter, bis hin zum Tausendjährigen Reich, dem das andere Deutschland folgte, das allerdings geteilt war. Das eine Deutschland – im Westen – wurde als Neuanfang präsentiert, der vielleicht Gutes versprach. Das andere – im Osten – erhob immerhin den Anspruch auf eine bessere, sozialistische Gesellschaft, wie unser Kibbuz auch. Wir waren hin und her gerissen. Was ist nun Deutschland, was das einigermaßen bessere Deutschland?

Für mich kam noch hinzu, dass meine damalige Liebe einem Mädchen deutscher Abstammung galt. Ihre Eltern lebten in Tel Aviv. Schlicht unerträglich fanden sie den Umstand, dass ihre durch und durch deutsche Tochter mit einem Orientalen aus Ägypten ausging. Ein attraktives Mädchen, das offen und herzlich war –  und eine hässliche, unverständliche Haltung ihrer Eltern, die an Vorurteile aus Deutschland denken ließ...  Für mich persönlich gehörte auch das zur Deutsche Frage!

Irgendwann kam ich selbst als Besucher. Darauf folgte ein Sprachkurs in Schwäbisch-Hall, bei dem ich der Deutschen Frage auf Schritt und Tritt begegnete: Die Hälfte der Teilnehmer waren nämlich Aussiedler. Später bekam ich noch Gelegenheit, die berüchtigte Mauer zu sehen. Zunächst vom Westen aus. Irgendwann auch von „drüben“, also vom Osten her. Die DDR-Begleiter haben mich als Ehrengast behandelt. Es wurde erwartet, dass ich positiv über die Werktätigen und die Errungenschaften des Sozialismus berichte. Die Deutsche Frage bekam für mich eine neue, physische und ideologische Dimension.

Doch mit der Einheit wurde die Deutsche Frage endgültig begraben. Niemand streitet  mehr ernsthaft über die Definition Deutschlands oder seine Grenzen. Pech für die Besucher, die vergeblich nach der Deutschen Frage suchen. Sie werden nicht fündig. Die Deutsche Frage gibt es wirklich nicht mehr. Aus und Vorbei.

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