Nur ISIS kann den Iran stoppen – das ist die Trumpfkarte des sunnitischen Kalifat

Al Moharer, Bagdad: diese Illustrationen zeigen, wie die schiitische Macht Iran die arabisch-sunnitische Welt immer weiter bedrängt und dominiert



Das verstehe, wer will. US-Präsident Barack Obama sagt, dass er eine Koalition von über fünfzig Staaten zusammenzimmern konnte, um den islamistischen Staat ISIS zu bekämpfen. Alle benachbarten, sunnitisch-arabischen Staaten stehen nach eigenen Angaben hinter dem noblen Ziel, ISIS zu eliminieren. Auch die Türkei soll dabei sein, wenn es um die Beseitigung der ISIS-Verbände geht. Täglich werden Bomben auf Einrichtungen der Islamisten abgeworfen, wobei viele unbeteiligte Menschen sterben. Dennoch erweitert ISIS sein Operationsgebiet und erzielt spektakuläre Erfolge, wie zuletzt die Einnahme der Stadt Ramadi vor den Toren Bagdads.



Was ist also los? Ist etwa die größte Koalition der modernen Zeit nur ein Papiertiger? Können (fast) alle Araber zusammen mit der Türkei sowie den Europäern und anderen Verbündeten eine bewaffnete Bande von Islamisten nicht endlich besiegen? Ist die arabische Liga völlig machtlos? Warum kommen die vielen modernen Waffensysteme der Golfstaaten nicht zum wirksamen Einsatz?

Die Antwort auf diese und viele andere Fragen liegt in den unterschiedlichen Wahrnehmungen im Westen und im Orient. Für den Westen geht es darum, einer modernen Praxis von brutalen, zur Schau gestellten Hinrichtungen ein Ende zu setzen. Für den Orient geht es um eine geschichtliche Kollision zwischen zwei Richtungen des Islam, die über den rechtmäßigen Nachfolger des Propheten seit über tausend Jahren heftig streiten.

Der Westen kann noch so viele schöne Beteuerungen und Loyalitätsbekundungen von arabischer und muslimischer Seite verlangen und bekommen. Sowohl verbal als auch auf dem Papier strengen sich alle Koalitionsmitglieder an, um ISIS zu bremsen. Doch es muss schon längst durchgesickert sein, dass dies lediglich eine Fata Morgana im besten orientalischen Stil ist. Luftspiegelung auf höchster politischer Ebene, die aber kaum etwas oder gar nichts in der Realität bedeutet.

Obama scheint dieses Doppelspiel noch nicht kapiert zu haben, obwohl er bestimmt manche hochdekorierte Arabien-Experten in seiner Umgebung beschäftigt. Obama bleibt in seiner Vorstellung gefangen, dass ihm die Muslime und die Araber wohl folgen, wenn er bloß nett zu ihnen ist. Immerhin lässt er pausenlos bombardieren. Nun erwartet er, dass die orientalischen Verbündeten Bodentruppen gegen ISIS einsetzen.

Die sunnitischen Freunde von Obama schicken Truppen in die Schlacht. Gelegentlich kommen Bilder von braven Pilotinnen hinzu. Aber da hört es dann auch schon auf. An der Front wird nicht richtig gegen ISIS gekämpft, auch wenn die Waffen zum Einsatz kommen. Der Krieg wird nur simuliert, um die Allianz mit den USA halten zu können. Ansonsten lässt man ISIS gewähren.

Wir befinden uns im Orient. Alles, oder fast alles, ist Glaubenssache. Die arabischen Sunniten und die türkischen Sunniten bringt die Sorge um den Schlaf, dass der schiitische Iran ziemlich bald den Irak dominiert. Stoppen kann ihn nur ISIS. Das islamistische Kalifat ist zwar gefährlich, es steht jedoch auf der richtigen Seite in diesem alten Glaubenskrieg, der immer noch relevant ist. Die Lösung des Rätsels ist somit gegeben.

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