Wer gegen wen? Aus iranischer Sicht ist ISIS ein USA-Monstrum

Alalam, Tehran: Beschuss von Kobani / ...angeblich durch USA unterstützt / ...die sowohl Al Kaida als auch ISIS nur scheinbar bekämpft / ...und über ihre arabischen Verbündete Syrien destabilisiert



Bei mehreren Gesprächsrunden in den letzten Tagen (hier ein Beispiel) habe ich mich bemüht, westlichem Publikum klar zu machen: Im Orient geht es zur Zeit nicht um eine Konfrontation zwischen bösen muslimischen Gotteskriegern einerseits und liberalen Demokraten andererseits. Es geht eher um einen islamisch-islamischen Streit, der vor über 12 hundert Jahren begonnen hat und nicht selten in brutale Gewalt ausartete. Ausgangspunkt für die Auseinandersetzungen war ursprünglich die Frage nach der Rechtmässigkeit der Nachfolger des Propheten Muhammad. Dananch entwickelten sich Loyalitäten, Traditionen und politische sowie religiöse Strukturen, die immer wieder heftig aneinander geraten sind. Dafür kann der Westen nichts - ausser zu versuchen, diese unheimliche Welt zu verstehen.



US-Präsident Barack Obama versteht dieses Phänomen sicher nicht. Er behauptete in letzter Zeit wiederholt, dass ISIS kein Repräsentant des Islam sei. Nun aber steht Obama einer weltweiten Koalition vor, die sich vorgenommen hat ISIS zu bekämpfen und zu eliminieren. Mit seiner verblüffenden Haltung demonstriert der US-Präsident Unkenntnis und Naivität verbunden mit wohlwollenden Absichten - allesamt Eigenschaften, die ihn leider für die Schwächung von ISIS von vorneherein disqualifizieren. Wenn sich der mächtigste Mann einer christlich-geprägten Allianz gegen eine Strömung im Islam stark macht, wird ihm automatisch Einmischung vorgeworfen. Das macht ihn weder bei den ISIS-Sunniten noch bei den vom Iran geführten Schiiten beliebt. Eher macht es ihn in beiden Lagern des Islam verdächtig und verhasst.

Eine grafische Bestätigung für diese Gegebenheiten konnte ich heute in der führenden iranischen Tageszeitung Alalam finden. Der Iran bekämpft bekanntlich die ISIS-Extremisten sehr vehement; denn diese gefährden die schiitischen Glaubensgenossen sowohl im Irak als auch in Syrien. Nach westlicher Logik wäre also anzunehmen, dass Tehran nun Amerikaner und Europäer für ihren militärischen Einsatz gegen die sunnitischen Extremisten lobt. Nichts dergleichen! Die kleine Sammlung grafischer Kommentare oben zeigt, dass das Gegenteil zutrifft. Der Iran sieht weiterhin die USA als eine Inkarnation des Bösen. Die iranischen Zeichner sehen weiter den Westen als Feind. Noch mehr - sie unterstellen dem Westen, sowohl die sunnitischen Taliban als auch Al Kaida und nun auch ISIS über seine arabischen Verbündeten am Golf zu unterstützen.

Mir ist aktuell nicht bekannt, ob dem US-Präsidenten vermittelt wird, was Alalam und viele andere iranische Zeitungen zur Zeit über ihn berichten. Leider muss ich befürchten, dass dies nicht der Fall ist. Denn Obama ist von seiner unrealistischen Bewertung bisher nicht abgerückt. Im Orient handelt er in einer Welt, die er mit seinen Kenntnissen und Wertvorstellungen kaum begreifen kann. Somit ist das Scheitern seiner gegenwärtigen Strategie bereits vorprogrammiert.

Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:

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