Islamische Front gegen das islamistische Kalifat? Fragen Sie in der Türkei nach

Spiegel: Islamisten auf dem Vormarsch / Naked Islam: die Türkei züchtete ISIS / Shlomo Cohen: Gaza-Hilfe wird wohl an Hamas gehen / ...Terrorismus gezüchtet - ist nun auch im eigenen Bett



Die im Westen hochgepriesene Zusammenarbeit mit muslimischen Staaten bei der Bekämpfung von ISIS entpuppt sich immer mehr als Wunschdenken oder gar als Illusion. Es trifft zwar zu, dass mehrere arabische und islamische Staaten vorgeben, entschieden und konsequent gegen das neue Kalifat vorzugehen. Doch bei näherem Betrachten erweist sich, dass die Dinge ganz anders liegen.



Der neue, islamistische Staat ISIS ist in erster Linie das Ergebnis von tiefen, historischen Fehden zwischen zwei Glaubensrichtungen im Islam - die Sunniten und die Schiiten. Diese Religionsgemeinschaften können zwar friedlich nebeneinander existieren. Doch die Geschichte der letzten dreizehnhundert Jahre zeigt, dass sie immer wieder auch in gewaltsame Auseinandersetzungen geraten. Grund dafür ist häufig die Störung der ohnehin delikaten Machtbalance, die oft aus ganz unerschiedlichen Gründen aus den Fugen gerät. Genau das ist in letzter Zeit in dem seit Jahrzehnten alawitisch dominierten Syrien passiert; so geschieht es auf gravierende Art und Weise im Irak, wo durch die westliche Intervention die Sunniten ihre Vormachtstellung verloren haben und die vom Iran unterstützten Schiiten das Zweistromland praktisch beherrschen.

Nach sunnitischer Lesart ist ISIS zunächst die natürliche Reaktion auf die oben genannten Entwicklungen. Insofern steht ISIS in einer historischen Kontinuität, die das Geschehen in ihrem Operationsgebiet seit über tausend Jahren bestimmt. Hierzu passt keine Allianz, die von christlich geprägten Staaten geführt wird. Hierzu passen die alten Loyalitäten und religiösen Überzeugungen, die von Generation zur Generation überliefert wurden. Nicht umsonst haben wichtige sunnitische Staaten und Organisationen ISIS seit langem unterstützt - direkt oder indirekt. Nicht umsonst genießt ISIS noch heute die Rückendeckung von einflußreichen Geldgebern am Golf - vor allem aus dem kleinen, jedoch finanzkräftigen Emirat Katar. Trotz seiner unglaublichen Brutalität verkörpert das neue Kalifat eine sunnitische Weltanschauung, die sich auf lange Sicht nicht mit westlichen Wertvorstellungen versöhnen lässt.

Die Verkennung der hier beschriebenen Umstände sorgt immer wieder für Staunen und Enttäuschung in westlichen Hauptstäden. Denn in Washington und in Brüssel wird weiterhin kaum zwischen Lippenbekenntnissen und tatsächlichem Engagement im Kampf gegen Islamisten unterschieden. Die Monarchien am Golf bangen um ihre Zukunft und wissen, dass sich der Westen auf dem Rückzug aus der Region befindet. Aus ihrer Sicht vertritt das neue Kalifat einen möglichen Zukunftsentwurf, bei dem die vom Kolonialismus aufgebauten Strukturen kollabieren und letztlich verschwinden. Alte religiöse und ethnische Konflikte bekommen immer mehr Gewicht. Wer sich absichern will, der muss mit den neuen Herrschen in weiten Teilen der Region gut auskommen.

Die Türkei galt lange Zeit als ein Sonderfall, was ihre Mitgliedschaft in der NATO möglich machte. Doch unter dem ehrgeizigen, islamistischen Präsidenten Recep Erdogan entstand eine ganz neue Situation. Die alte, religiöse Bindung gewinnt immer mehr an Gewicht. Die Träume von einer Wiederbelebung eines alten Herrschaftssystems - dem osmanischen Reich in moderner Form - haben nun für Ankara Priorität. Darum hat die Türkei streckenweise eng mit ISIS zusammengearbeitet. Darum ist es für die Türkei wichtiger, die Kurden weiterhin zu unterdrücken und ihnen das Recht auf Selbstbestimmung für unbestimmte Zeit zu verweigern. Das ist der Hintergrund der letzten militärischen Aktivitäten des türkischen Militärs. Statt Stellungen von ISIS zu bombardieren hat die vom Westen aufgerüstete türkische Luftwaffe ihre Bomben gegen kurdische Kämpfer gerichtet, die das sunnitische Kalifat im Sinne des Westens bekämpfen.

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