Kalifat-Schock im Westen: was tun, um ISIS zu bekämpfen?

Ramirez in The Federalist Papers: Provokation durch ISIS / Kal in Economist: ...lässt Obama trotz Irak-Syndrom handeln / Inside out Borders: Obama lernt / ...und lernt / Stern: Kalifat-Schock im Westen



Die dramatische Kampfansage von US-Präsident Barack Obama gegen ISIS bedeutet einen ersten Schritt zum aktiven, wenn auch begrenzten militärischen Engagement im Irak. Obama verspricht zwar, dass sich die Amerikaner allein auf Luftschläge gegen die islamistischen Kämpfer konzentrieren werden. Doch er und seine Generäle wissen bestimmt, dass dieser Krieg aus der Luft nicht zu gewinnen ist. Die ISIS Verbände haben sich schon längst hinter der Bevölkerung verschanzt und werden in Zukunft immer stärker aus ihrer Mitte operieren. Die Amerikaner und ihre Verbündete werden große Mühe haben, Ziele der ISIS auszumachen und zu zerstören. Zudem würde der Luftkrieg zwangsläufig viele Zivilisten das Leben kosten und die Solidarisierung mit den sunnitischen Islamisten weiterhin festigen.



Zurecht betont Obama die Option, arabische Staaten und Kräfte für den notwendigen Kampf am Boden zu gewinnen. Das wäre allerdings nur dann eine wirksame Möglichkeit, wenn die Araber von sich aus die Initiative zu solchen Handlungen ergreifen - etwa über die arabische Liga. Doch der Riss innerhalb der arabischen Welt ist viel zu tief. Religiöse Konflikte, ethnische Loyalitäten und Stammesfehden dominieren gegenwärtig die Lage im arabischen Raum. Am Beispiel Libyen kann man erkennen, dass eine westliche Intervention nicht einmal ansatzweise das Potential birgt, die rivalisierenden arabischen Gruppen und Einheiten zu einer gemeinsamen, koherenten Aktion zu gewinnen.

In seiner kurzen Ansprache betonte Obama den Begriff American Leadership. Das klingt gut für westliche Ohren und hilft wahrscheinlich, die öffentliche Meinung in den USA zu gewinnen und Finanzmittel für den Krieg zu mobilisieren. Doch im Orient wirkt es ganz anders. Es errinnert die arabische Welt an Rückstand, an Erniedrigung und an die Unfähgikeit, das eigene Schicksal selbst zu bestimmen. Arabien befindet sich in einer kritischen Phase der Umwälzungen, die im Westen weitgehend falsch ausgelegt wurden. Die angebliche Revolution hin zu Liberalität, Offenheit, Transparenz und Demokratie ist zum erheblichen Teil in theokratische und gewaltsame Tendenzen umgemünzt worden. Die einzigen, die gegenwärtig diese Entwicklung bremsen, sind wohl autoritäre Machthaber, die für eine gewisse Stabilität und geordnete Strukturen sorgen können.

Frustration dem Westen gegenüber führt zur Rückbesinnung auf traditionelle, religiöse Werte, die zur Zeit nicht nur ISIS sondern auch große Teile der schiitisch-muslimischen Welt hochhalten. Das ist mit ein Grund für die brutale, zur Schau gestellte Gewaltanwendung gegen andersdenkende Muslime einerseits und gegen Ungläubige andererseits. "Amerikanische Führung" im Kampf gegen dieses Phänomen könnte mehr Schaden als Nutzen bringen. Sie wird von den Extremisten als ein Beweis vorgeführt, dass sich fremde Kräfte wieder einmischen wollen und ihre technologische Überlegenheit dazu nutzen, die arabische und muslimische Welt zu zerbomben und zu unterjochen.

Mit seiner scharfen Rede gegen ISIS mag Obama innenpolitisch punkten. Doch im Nahen und Mittleren Osten sowie in der ganzen muslimischen Welt hat er die Islamisten aufgewertet, die zur Zeit große Landflächen im Irak und in Syrien kontrollieren. Die angekündigte Absicht eine weltweite, große Koalition gegen ISIS zu bilden bringt keine praktischen Vorteile bei den Kämpfen; andererseits aber wird sie im Orient als eine große Herausforderung verstanden, die die islamistische Propaganda für ihre Zwecke bereits nutzt. Insofern war die Kampfansage von Obama eher kontraproduktiv.

Was kann der Westen besser machen? Der Westen sollte kein arabisches Doppelspiel mehr dulden. Wer Terror unterstützt - finanziell, propagandistisch sowie militärisch - der darf nicht mehr als Freund behandelt werden. Der Westen kann mehr als bisher tun, um Geldzuwendung an ISIS, an die Muslim Brotherhood, an Hamas und ähnliche Gruppen zu stoppen. Der Westen kann die Netzwerke der Terroristen - die sich zum Teil in den USA und in Europa befinden - besser überwachen und zuverlässige Informationen über ihre Aktivitäten sammeln. Der Westen kann noch mehr als bisher gezielt gegen Rädelsführer der Islamisten vorgehen.

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