Irak, Syrien, ISIS (islamischer Staat): hier scheitern die westlichen Denkmodelle kläglich

New Sabah: Korruption; Irak wird ausgenutzt / Al Masalah: wer hat das Sagen? / Al Rafidayn: Kalifat Anbar / Al Hayat: Bürgerkrieg weitet sich aus / Al Moharer: schiitischer Feind Iran / Iraq 4 All News: Maliki beherrscht nur noch über 30 %... bald Flucht in Iran? / Maliki und Assad als Schlächter dargestellt, die Sunniten massakrieren



Im Westen kann noch so viel über Demokratie, über die Zivilgesellschaft und über Menschenrechte geredet werden. Für große Teile Arabiens sind diese Begriffe von nur sehr begrenzter Relevanz. Was das Geschehen bestimmt, ist vor allem eine Konfrontation zwischen dem schiitischen und dem sunnitischen Islam. Und das noch gepaart mit komplizierten ethnischen Konflikten und für Aussenstehende kaum erklärbaren Stammesfehden. Das ist heute die Realität, die im Nahen und Mittleren Osten vorherrscht. Am besten ist sie an der dramatischen Entwicklung im Irak und in Syrien sichtbar, wo der neue islamische Staat ISIS sein Gebiet binnen kürzester Zeit erheblich erweiterte.



Die alten staatlichen Strukturen, die auf die Kolonialzeit zurückzuführen sind, verlieren zunehmend ihre Bedeutung. Die weltweiten Appelle zur Erhaltung der Einheit des Irak sind wirkungslos. Hinter ihnen steht kein Konzept und kein Plan, wie das Zweistromland vor dem Zerfall doch noch zu retten ist. Der Mechanismus "freie Wahlen" ist hierfür nicht geeignet. Sowohl im Irak als auch in Syrien fehlen die grundlegenden Voraussetzungen für eine Demokratie nach westlichem Muster. Die Aufstellung von Urnen und der Akt der Abstimmung nach den üblichen Ritualen ändern daran nichts. Es wurde ja vor wenigen Wochen wieder erfolglos probiert - und zwar gleich in beiden Ländern.

Einflussnahme durch den Westen ist praktisch nicht möglich. Das Terrain wird von Armeen und Milizen beherrscht, deren Loyalitäten kaum durchschaubar sind. Mal fühlen sie sich als Gotteskrieger, die angeblich im Namen von Allah kämpfen. Mal wechseln sie die Fronten, weil ein Prediger von einer rivalisierenden Gruppe einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen konnte. Mal bekommen sie Befehle von reichen Monarchen am Golf, die sie auch gleich mit Waffen und Munition beliefern.

Ausbildung zu einer eigenen Armee war und bleibt das Zauberwort, das der Westen immer benutzte, um seinen Rückzug von dem Schlachtfeld Irak (und übrigens auch Afghanistan) zu begründen. Doch auch die beste Ausbildung garantiert keine Gesinnung im Sinne derjenigen, die den Irak als politische Einheit behalten wollen. Im entscheidenden Moment ziehen es viele Soldaten vor, die Flucht zu ergreifen oder gar die Rebellen zu unterstützen. So geschah es in mehreren kleinen Städten im Norden und Westen des Irak. So hat sich das nun auch in der Millionenstadt Mosul zugetragen.

Aus der Sicht vieler Sunniten wird der Irak von Ministerpräsident Nouri al-Maliki durch Schiiten dominiert. Sie sehen ihre Glaubensgenossen verdrängt und beobachten mit Sorge den wachsenden Einfluss des schiitischen Iran in der ganzen Region und auch im eigenen Land. Das ist der Nährboden für die Unzufriedenheit, die zunehmend zur Gewaltanwendung führt. Extremisten unter den Sunniten träumen von einem neuen, islamistischen Kalifat, das eventuell auch noch Bagdad beherrschen wird. Ihr neuer Staat Anbar - nun auch ISIS genannt (Islamic State in Iraq and Syria) wird immer mächtiger und schafft es zunehmend, durch Eroberungszüge sein Gebiet zu erweitern.

Eine Intervention des Westens wäre sinnlos, und zwar in jeder Hinsicht. Dem Westen fehlt das Verständnis für die Auseinandersetzungen zwischen Sunniten und Schiiten. Er kann weder schlichten, noch eingreifen, noch die Kämpfe durch eigenen militärischen Einsatz begrenzen. Dieser Krieg wird unter Arabern geführt und muss von ihnen auch beendet werden. Dem Westen bleibt nur noch die Möglichkeit, das Geschehen zu beobachten und daraus Lehren für die Zukunft und für andere Konflikte zu ziehen. Nicht alles läuft eben so, wie man es sich in Washington und in den Hauptstädten Europas ausdenkt. Die Region ist vollkommen anders gestrickt und setzt ganz eigene Akzente, woran die importierten Denkmodelle kläglich scheitern.

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