Werkstatt Weltreparatur in den Alpen: wenn schon Tikun Olam, dann bitte unbedingt auf Davos Niveau!

Detroit Free Press: alles hinter Gittern / Spiegel: iranischer Präsident Rouhani kommt / Shlomo Cohen: ...und täuscht / Rowston in Guardian: Syrien Konferenz - auf dem Boden der Tatsachen / Economist: alle Jahre wieder - Sorgenpanda China



Als einer, der Davos mehrere Male besuchte, kann ich Ihnen zuverlässig berichten: Hier in der verschneiten Eidgenossenschaft ist die Welt noch in Ordnung! Auch und gerade dann, wenn sich die Wichtigen, die Großen, die Reichen und die Schönen um unschöne Dinge wie Armut, Rezession, Konflikte und Kriege unterhalten. Die Stimmung ist insgesamt sehr gelöst. Gemütlichkeit herrscht. Gelegentliche Wortgefechte kommen zwar vor, doch sie werden nur als Nebengeräusche bzw. Pflichtübungen der Akteure wahrgenommen. Wir befinden uns letztlich in der Werkstatt, die sich vorgenommen hat, die Welt zu reparieren.



Eine solche, gründliche Weltreparatur kann nur ganz hoch in den Alpen geschehen, wo Ruhe herrscht und alle Teilnehmer wohl behütet unterkommen. Sie wohnen erstklassig und werden von bestgeschultem Personal betreut. Stacheldraht, Barrieren und Schranken trennen sie von der Aussenwelt, über die sie so leidenschaftlich reden. Es gibt Zeit und Gelegenheit für viel Nachdenklichkeit. Man kann alles Mögliche von sich geben. Die Ideenfabrik verträgt bekanntlich sehr sehr viel - so manche Übertreibungen, Illusionen oder gar Lügen. Es ist auch eine Art Bühne, auf der sich die Prominenz vor den Augen der Weltöffentlichkeit in bester Form präsentiert. Spinnereien und Spielereien sind erlaubt. Jeder, der zum exklusiven Club der Eingeladenen gehört, muss seine oder ihre Chance wahrnehmen. Kein Wunder, dass hier alle sichtlich zufrieden sind.

Nicht weit von Davos befindet sich Genf, wo Spitzendiplomaten sehr häufig und aktuell wieder die Lage der Welt erörtern. Denken Sie an die nukleare Abrüstung des Iran. Denken Sie an die Friedenskonferenz zur Lage in Syrien. Denken Sie an den sogenannten Menschenrechtsrat der UNO, wo schlimme Despoten regelmässig als Hüter der Menschheit auftreten. Das alles vertragen die Alpen sehr gut. Das gehört zum internationalen Ritual, das so raffiniert und erfolgversprechend nur hier in der Schweiz aufgeführt wird. Jeder akzeptiert jeden. Jeder Trick ist zugelassen, um Täuschung zu produzieren und sich selbst als ein harmlosen Friedensengel darzustellen. Die neutrale, sichere Umgebung ist ein perfekter Hintergrund, vor dem man sich gegenseitig reinzulegen versucht.

Davos und Genf sind moderne Versionen von Tikun Olam - ein menschlicher Versuch der Weltverbesserung. Den aus der jüdischen Lehre und Tradition stammende Begriff kann man heutzutage auf die alljährlich wiederkehrenden Veranstaltungen in der Schweiz anwenden. Diese globalen Zusammenkünfte haben bisher kaum die erhoffte Wirkung gezeigt. Noch ist die Welt an viel zu vielen Orten und Stellen in desolatem Zustand und wohl kaum reparabel. Doch die ständigen Versuche verdienen Repekt. Zumal sie wirklich auf hohem Niveau stattfinden. Auf Davos Niveau!

Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:

Weltwirtschaftsforum Davos: Jetset und Sparen vertragen sich nicht / World Economic Forum (WEF) gets underway

Unterstützt die Schweiz die arabische Revolution? Herrmann (Tribune de Genève) hat berechtigte Zweifel

_________________________________

You are welcome to follow and comment on Facebook & Twitter

Anmelden