Referendum in Ägypten: so stimme ich ab, würde ich in meiner alten Heimat leben

Akhbar El Yom: die einen wählen, die anderen sitzen im Gefängnis / Al Mesryoon: Verfassung als Thema für Operette / Al Nilin: das Militär bestimmt die Verfassung / ...um Chaos wie im Sudan zu verhindern



Wenn ich in meinem Geburtsland Ägypten leben würde, hätte ich wie die meistern meiner Landsleute den gestrigen Urnengang sicher nicht verpasst. Ich würde auch ganz bestimmt der Mehrheit der Ägypter zustimmen, dass die neue Verfassung angenommen werden soll. Ich würde darüber hinaus kundtun, dass wir Ägypter nun ein Stück Realismus zeigen müssen. Das bedeutet vor allem, die richtigen Prioritäten zu setzen, um das Land am Nil auf den Weg der Gesundung zu bringen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass bitter nötige Reformen in absehbarer Zeit angestoßen werden können.



Mein Haltung möchte ich wie folgt begründen:

  • Ohne eine einigermassen funktionierende Wirtschaft sind wir Ägypter am Ende. Wir müssen dafür sorgen, dass wieder Stabilität einkehrt. Wir müssen erreichen, dass uns das Ausland Vertrauen schenkt. Wir brauchen Investitionen. Wir brauchen auswärtige Gäste. Diese werden nur kommen, wenn die politischen Turbulenzen der letzten drei Jahren nach und nach überwunden werden.
  • Mir ist natürlich bewusst, dass durch die neue Verfassung die Armee wieder gestärkt wird und sie damit ihre Macht im Land zementiert. Das gefällt mir vom Ansatz her nicht. Doch ich würde meinen Landsleuten gegenüber argumentieren, dass wir momentan keine Alternative haben. Die priviligierte Stellung der Armee stärken heißt im Klartext, Ägyptens Integrität zu retten. Das ist das kleinere Übel. Sonst müssten wir Verhältnisse wie in Syrien in Kauf nehmen.
  • Bei aller Kritik übersehe ich nicht, dass es in der Verfassung auch ermutigende Passagen gibt. Bürgerrechte werden gestärkt - zumindest (erstmal) auf dem Papier. Frauenrechte werden gestärkt - eine ganz wesentliche Sache, die viel Gutes verspricht. Nun gilt es, die Frauen meines Geburtslandes zu überzeugen, dass sie ihre neuen Rechte auch in der Praxis wahrnehmen. Das ist schon mal die erste, vielleicht wichtigste Reform, die meine alte Heimat braucht.
  • Und was ist mit der Moslem Brotherhood, die nun ganz aus dem politischen Prozess ausgegrenzt zu sein scheint? Dazu habe ich als ein ägyptisches Kind viel zu erzählen. Es waren Aktivisten und Anhänger der Moslem Brotherhood, die meine Geschwister und mich in den Straßen von Heliopolis gehänselt und bedroht haben. Sie waren gegen Juden. Sie waren gegen Christen. Sie waren gegen Pluralismus. Somit waren sie - und bleiben es auch heute noch! - gegen mein Geburtsland Ägypten.
  • Ich habe keinerlei Illusionen. Ich weiß natürlich, dass den Befürwortern der Moslem Brotherhood sowie anderen Extremisten ein politisches Tätigkeitsfeld eingeräumt werden muss. Ansonsten wird es langfristig keine friedlichen Verhältnisse am Nil geben. Doch die Islamisten in meiner alten Heimat hatten bereits ihre Chance. Diese haben sie kläglich verspielt. Nun müssen diejenigen eine Chance bekommen, die das Land wieder in Lohn und Brot bringen. Wie schon betont - das ist der einizige Weg, der die Veränderungen ermöglicht, die die Mehrheit meiner Landsleute und ich wünschen.

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