Orient am Morgen: der internationale Nachrichtenticker schlägt heute im Nahen Osten

Ismail Sert in Star: wird der Staat kapitulieren? / das Gesetzt wird zur Zielscheibe / Zaman: Polizeiführung durch Erdogan neu besetzt / ...wobei die Ermittler selbst gefangen werden (Zeichnung: Dagistan Cetinkaya) / New Yorker: Erdogan könnte an sich selbst scheitern



Heute morgen habe ich die Nachrichten bei einigen internationalen TV-Sendern verfolgt, gleich in mehreren Sprachen und aus unterschiedlichen Ecken der Welt. Die erste, zweite, dritte, vierte und in zwei Fällen auch fünfte Nachricht kam aus der Region, aus der ich selbst komme - nämlich der Nahe Osten. Das hat mich auf den Gedanken gebracht, dass ich mit Europa vielleicht den falschen Wohnsitz gewählt habe. Das wahre Geschehen, das ich als Journalist täglich suche, findet doch anderswo statt.



Bei den besagten Nachrichten ging es um den Bürgerkrieg in Syrien, um die jüngsten militärischen Erfolge von Al Kaida im Irak, um den Morsi Prozess (der inzwischen vertagt wurde) in Cairo, um den Libanon... die Liste lässt sich fortsetzen. Doch am bedeutendsten fand ich die Meldungen, die aus der Türkei kommen. Im geschichtsträchtigen Land zwischen Europa und Asien findet ein erbitterter Machtkampf statt, der zugleich ein Kulturkampf von gewaltigem Ausmaß darstellt. Die Fronten sind nicht immer klar und die Grenzen unter den verschiedenen politischen Gruppen nicht immer deutlich zu markieren. Doch die großen Linien sind symbolhaft für die ganze Region.

Die Konfrontation kann man mit den folgenden Gegensätzen zusammenfassen. Es geht um - säkulare Werte versus islamistischer Ausrichtung / autoritäre Herrschaft versus Anwendung von demokratischen Prinzipien / Personenkult versus Vielfalt der politischen Akteure / Rechtsstaatlichkeit versus Willkür gegen Polizei und Justiz / Korruption in der politischen Elite versus Transparenz und Offenlegung der finanziellen und wirtschaftlichen Ströme / last but not least geht es um die Stellung und Rechte der Frauen - ein Thema mit dramatischen Auswirkungen, das eine Schlüsselrolle im Orient spielt.

Die Situation in der Türkei ist insofern besonders wichtig, da dieses Land bereits vor knapp hundert Jahren unter Mustafa Kemal Atatürk epochale Veränderungen durchmachte. Doch im Nachhinhein und mit großer Verspätung stellt sich heraus, dass diese bis vor Kurzem als stabil geltenden Umwandlungen brüchig sind. Es mag daran liegen, dass Atatürk seine Reformen mit Gewalt durchsetzte. Es mag auch daran liegen, dass sich die sogenannte arabische Revolution zum großen Teil als ein neuer Anlauf von Extremismus und Islamisus entpuppt und die ganze Region in diesem Sinne beeinflusst. Es liegt zum erheblichen Teil wohl auch an dem charismatischen, ehrgeizigen türkischen Ministerpräsident Recep Erdogan, der dabei ist sein Land zurückzuwerfen.

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