Der Staat Anbar lädt ein zum neuen Nahen Osten, der die alten Kolonialstrukturen hinter sich lässt

Humairi in Al Sabaah: Regierung will aufräumen /...doch Prediger bestimmen das Handeln / Zahoor in Dawn: neuer Staat getragen / Independent Sentinel: da ist er! / CNN: Krieg um Anbar / Al Hayat, Bagdad: ...wie hier in Falludscha / kann Ägypten als Modell dienen?



Guten Morgen und herzlich willkommen in dem neuesten Staat der Welt, der allerdings noch keinen offiziellen Namen trägt. Den Neugeborenen nennen wir zunächst Anbar - nach der Bezeichnung der irakischen Provinz, in der er entstand. Vorweg eine kleine Warnung: die Grenzen von Anbar wurden noch nicht klar festgelegt. Man kann zur Zeit kaum feststellen, wo sein Hoheitsgebiet anfängt und wo es endet. Wie schon immer in der Geschichte wird der neue Staat hart umkämpft, und zwar sowohl von Innen als auch von Aussen. Westlich aussehende Personen können als USA oder NATO Agenten gelten und riskieren womöglich ihr Leben. Für Frauen empfiehlt sich generell, sich streng muslimisch-traditionell zu bekleiden.



Anbar ist stark sunnitisch geprägt. Angehörige anderer Glaubensrichtungen sind gut beraten, ihre religiösen Bekenntnisse nicht zu betonen und schon gar nicht demonstrativ sichtbar zu machen. Das trifft ganz besonders auf shiitische Muslime zu. Im heutigen Zustand der Entstehung bzw. Kampf um Unabhängigkeit gilt es, sich in erster Linie vor Unterjochung durch die schiitisch dominierte Regierung in Bagdad zu befreien. Eine unvorsichtige Äusserung zugunsten der Zentralmacht kann tödlich enden. Die Autorität des neuen Staates ist noch nicht fest etabliert. Bewaffnete Gruppen verschiedener Couleur ringen um Macht und Einfluss. Vorsicht ist dringend geboten. Wer den Umgang mit Pistolen kennt, der sollte eine Handfeuerwaffe zur Selbstverteidigung bei sich tragen.

In nächster Zeit werden Sie noch viel über das neue staatliche Gebilde Anbar hören - möglicherweise unter einem anderen Namen. Anbar kann sich in naher Zukunft über Teile von Syrien erstrecken und somit neue Grenzen in der Levante ziehen.Die bestehenden Grenzen, die weitgehend von den Kolonialmächten Großbritannien und Frankreich gezogen wurden, sind schon längst nicht mehr relevant. Syrien ist ja bereits zerstückelt. Alawiten, Drusen, Kurden und andere kämpfen ums Überleben und um autonome Strukturen, die sich nach und nach in staatliche Hoheitsgebiete umwandeln. Anbar wird versuchen, eine Basis für die sunnitische Mehrheit zu errichten, um von dort aus weitere Provinzen zu erobern und unter die Sharia Gesetze zu stellen.

Im benachbarten Land Jordanien wurden bereits einige Stützpunkte von Anbar etabliert. Der jordanische Staat, der sich im ehemaligen Mandatsgebiet Palästinas befindet und eine große palästinensische Mehrheit hat, steht ohnehin vor einer historischen Umwandlung. In welcher Richtung es geht, kann man noch nicht sagen. Fest steht, dass sich das Königshaus vor allem durch massive westliche Hilfe am Leben hält. Das ist kein gutes Omen in einem Zeitalter, in dem sich die ganze Region neu orientiert. Alte religiöse Konflikte und Spaltungen innerhalb des Islam bekommen höchste Priorität. Die Stammesbindungen und die Glaubensloyalitäten zählen immer mehr. Anbar demonstriert diese Entwicklung am deutlichsten.

US-Aussenminister John Kerry verspricht feierlich, der irakischen Regierung zu helfen, um Anbar zu bekämpfen und zu beseitigen. Begründung: in Anbar regieren praktisch Gruppen, die zu Al Kaida gehören und ihre Ziele durch Gewalt und Terror durchzusetzen versuchen. Diese Worte sind aber nicht viel mehr als leere Floskeln. Weder die USA noch andere westliche Länder können die Gesinnung der Menschen ändern, die in Anbar im Großen und Ganzen zum neuen, sunnitisch-geprägten Staat stehen. Diese Menschen fühlen sich im Wesentlichen von Bagdad fremd beherrscht, weil dort eine schiitische Regierung an der Macht ist. Daran kann auch Kerry nichts ändern.

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