Persona non grata: Ägypten und die Türkei auf Kollisionskurs

Al Ahram: Gebet für ein besseres Ägypten / ohne Hetze durch Erdogan / Al Ahaly: ...Islamist Morsi bleibt eingesperrt / Schlagzeilen: Schlag und Gegenschlag / Islamic Invitation Turkey: Botschafter rausgeworfen / Press TV: Persona non grata!



Diese diplomatische Krise ist höchst ungewöhnlich. Sie stellt einen Bruch dar, der historische Dimensionen trägt. Korrekturen sind möglich und ganz sicher erwünscht. Doch gegenwärtig sieht es kaum danach aus, dass sich Ankara und Cairo versöhnen wollen. Im Gegenteil. Der Konflikt eskaliert. Die zwei größten sunnitisch-geprägten Staaten im Nahen Osten befinden sich auf Kollisionskurs.



Hintergrund der gegenseitigen Abschiebung beider Botschafter sind die wiederholten Versuche des türkischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan, sich in die inneren Angelegenheiten Ägytens einzumischen. Bereits letztes Jahr war die spektakuläre Initiative Erdogans gescheitert, "das türkische Modell" auf die ganze arabische Welt anzuwenden. Kein arabisches Land wollte sich das türkische Begehren aufzwingen lassen. Aus Cairo selbst wurde Erdogan ziemlich unwürdig verabschiedet. Die Ägypter zeigten ihm, dass sie schon längst nicht mehr von Istanbul aus regiert werden, wie es Jahrhunderte unter dem osmanischen Reich der Fall war.

Während der kurzen Präsidentschaft von Morsi ging Erdogan dazu über, eine islamistische Auslegung der heiligen Schrift zu befürworten und sprach von einer strategischen Allianz mit der Muslim Brotherhood, die an der Macht war. Das konnte aber nur bedingt gelingen. Auch Islamisten am Nil wollten nicht vom Bosporus aus Instruktionen erhalten. Zu stolz und zu mächtig ist Ägypten selbst, um sich einem Diktat aus der Türkei zu unterwerfen. Zudem stieß der arrogante Stil von Erdogan auf Unbehagen und Ablehnung.

Vor kurzem verstärkte Erdogan die Provokationen, indem er dem neuen Machthaber am Nil Belehrungen erteilte. Ausgerechnet Erdogan, der Demonstrationen im eigenen Land brutal unterdrückt und die Pressefreiheit einschränkt, ist Ägypten gegenüber als Prediger in Sachen Demokratie aufgetreten. Zudem unterstützte er verbal (und nicht nur verbal) die Kräfte, die im Auftrag der Muslim Brotherhood agieren und Ägypten wieder unregierbar machen wollen. Das war der Regierung in Cairo zuviel des Guten. Sie hat den Botschafter der Türkei des Landes verwiesen.

Nun ist der Riss zwischen den Ländern perfekt. Ägypten mit einer Population von über 80 Millionen Menschen ist das bevölkerungsreichste arabische Land und dazu prädestiniert, die arabische Welt zu führen (was es lange auch getan hat). Zudem stellt Ägypten die größte Streitmacht in der Region. Die Türkei mit einer Bevölkerung von knapp 80 Millionen erfüllt seine natürliche Funktion als Führer aller türkischsprechenden und türkischstämmigen Völker, deren Zahl auf weit über hundert Millionen geschätzt wird. Die Türkei hat die zweitgrößte Armee in der Region und ist zudem ein Mitglied der NATO.

Ob die Konfrontation anhält oder nicht ist offen. Doch bereits jetzt hat sie das Potenzial, den Nahost auf lange Sicht zu ändern. Aus der Sicht von vielen Arabern versucht die Türkei, ihre alte, dominante Stellung wieder zu erlangen - wobei sie dazu unter Erdogan eine zunehmend islamistische Auslegung der gemeinsamen Religion verwendet, um sich politisch durchzusetzen. Aus der Sicht der Türkei sind Ägypten und andere arabische Länder undisziplinierte Buben, die eigene Wege gehen statt dem angeblichen Erfolgsmodell am Bosporus zu folgen. Eine Brücke zwischen diesen konträren Wahrnehmungen ist zur Zeit nicht zu schlagen.

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