Das Gute am Abhörskandal – und wie man wieder runterkommt

Cicero: böse aber auch GUT! / Steve Bell in Guardian: ...bei diesem Skandal / Toronto Sun: ...um die Geheimdienste / USNews: ...der so viel Wellen schlägt



Ich halte es mit den Redakteuren von Cicero: der Skandal hat auch gute Seiten. Lassen Sie mich meine Sicht der Dinge erläutern. Das ist die Bewertung eines Journalisten, der seit vielen Jahren in mehreren Hauptstäden intensiv rumhört, jedoch nicht abhört. Abhören tue ich schon deswegen nicht, da ich es technisch überhaupt nicht beherrsche. Zum anderen hätte ich nie die Geduld, stundenlang belanglose Gespräche zu belauschen, um am Ende vielleicht nur einen einzigen brauchbaren Satz mitzubekommen. Das ist nicht mein Ding. Das überlasse ich NSA, BND und wie sie alle heißen.



Um Missverständnisse gleich auszuräumen: die Empörung der Bundeskanzlerin ist völlig verständlich und gerechtfertigt. Es geht nicht an, dass gerade die Amerikaner ihre Gespräche am Mobiltelefon abhören. Diese Praxis muss man auf das Schärfste verurteilen. Doch ich rate unbedingt zur Vorsicht. Offenbar existiert eine Technologie, die das Abhören der Mobiltelefone von deutschen Politikern ermöglicht. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Chinesen, Russen und andere diese Fähigkeit bereits besitzen, oder dabei sind, sie zu entwickeln. Auch würde ich nicht ganz ausschließen, dass Franzosen und Briten davon Gebrauch machen. Richtig geheime Sachen sollte man Gesprächen unter vier Augen überlassen.

Die Ehrlichkeit verpflichtet klar zu sagen: kein Staat und kein Geheimdienst arbeiten ganz sauber. Es liegt in der Natur der Geheimdienste, dass sie im Dunkeln operieren und manche unschöne Dinge machen. Das trifft auch auf Deutschland zu. Ich möchte nicht wissen, was alles entdeckt und veröffentlicht würde, wenn etwa ein deutscher Edward Snowden richtig auspackt. Es wird ein Skandal erheblicher Dimensionen sein - national und international. Insofern ist eine gewisse Gelassenheit schon vonnöten. Fragen Sie etwa die Franzosen, die mal ein Schiff von Greenpeace Aktivisten in australischen Gewässern in die Luft gesprengt haben. An europäischen und anderen Beispielen von guten Partnern fehlt es nicht. Lassen wir also die Kirche im Dorf.

Für die Datensammler in aller Welt gibt es eine ganz neue Herausforderung - nämlich die der Zurückhaltung. Die schier fantastischen, unglaublichen Möglichkeiten alles von überall anzuzapfen sind erschreckend groß. Die Versuchung ist da, jedes gesprochene oder geschriebene Wort zu registrieren, zu analysieren und irgendwo auch zu speichern. Diesen enormen Blödsinn globalen Ausmaßes können nur besonnene Politiker stoppen, die die Sachfragen studieren und nach bestimmten Eckwerten Direktiven formulieren. Es ist höchste Zeit, dies zu tun, und zwar nicht nur in den USA. Die ganze Welt ist betroffen.

Schließlich gibt es eine sehr gute Nebenwirkung bei der ganzen Affäre. Das ist die Wachstumsbranche Abhörsicherheit. Es zeigt sich immer wieder, dass diese Branche noch im Steinzeitalter steckt. Sie schafft es keineswegs, die technologischen Errungenschaften der letzten Jahre einzuholen und sich entsprechend neu aufzustellen. Es muss doch möglich sein, irgendwann in nächster Zukunft drahtlos miteinander zu kommunizieren, ohne das viele Menschen in aller Welt mithören, mitschreiben und für alle Ewigkeit das Gesagte auch speichern. Dadurch können übrigens viele neue Arbeitsplätze entstehen. Die Wirtschaft kann echt profitieren. Die Konjuktur wird erheblich wiederbelebt.

Doch bis es soweit ist, möchten wir wieder altmodisch werden. Wirklich wichtige Aussagen überlassen wir von nun an persönlichen Gesprächen, die am besten irgndwo im Freien geführt werden.

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