Afghanistan in der Ära nach dem geplanten Abzug: die Afghanen müssen es selbst richten

Daily Afghanistan: Schrecken des Krieges / Flucht & Vertreibung... interessieren die Medien nicht  / Verhandlung auf Leichenberg... Fussball soll Aussöhnung begünstigen / Outlook Afghanistan: wer soll mit wem was vereinbaren



Wer mal in Afghanistan war, der weiß: die Regierung des Landes befindet sich in der Defensive. Sie muss immer wieder beweisen, dass sie die Interessen des afghanischen Volkes vertritt. Zweifel sind aus afghanischer Sicht verständlich und angebracht, da diese Regierung praktisch von den NATO Alliierten eingesetzt wurde. Zudem wird sie mit finanziellen Mitteln aus dem Westen versorgt. Ihre Führungspersönlichkeiten werden von Soldaten und Sicherheitsexperten westlicher Staaten rund um die Uhr bewacht.



Der Personenschutz aus dem Ausland ist höchst symbolisch. Der afghanische Präsident Hamid Karzai kann sich nicht auf die heimischen Kräfte verlassen. Er muss befürchten, dass die eigenen Landsleute gegen ihn vorgehen und ihn womöglich töten. Daher ist er gezwungen, in seiner nächsten Umgebung amerikanisches und anderes westliches Sicherheitspersonal zu haben. Hin und wieder wird suggeriert, dass diese Situation eine Übergangslösung ist, bis afghanische Experten ausgebildet werden. Doch es geht nicht um das angeblich fehlende Können im Umgang mit Waffen. Es geht um die Gesinnung.

Auch nach über 12 Jahren Engagement der NATO-Verbände ist es nicht gelungen, die Lage in Afghanistan zu stabilisieren. Das Land ist ein gefährliches Terrain für westliche Politiker geblieben, wie diese geplanten Anschläge zeigen. Auf der Tagesordnung steht in erster Linie eine nationale Aussöhnung, bei der die Taliban - bisher der eigentliche Feind des Westens - eine zentrale Rolle spielen wird. Das erkennen inzwischen alle Beteiligten. Das erkennt natürlich auch der afghanische Präsident, der auf  Schritt und Tritt dem Einfluss der Islamisten begegnet und mit ihnen zu einem Arrangement kommen muss.

Nun versucht Karzai eine Vereinbarung auszuhandeln, die eine beachtliche amerikanische Streitmacht im Land belässt - obwohl die US-Army ihre Kampftruppen bis Ende 2014 komplett abziehen will. Das ist Gegenstand von Verhandlungen, die der US-Aussenminister John Kerry mit der Regierung in Kabul führt. Doch trotz Annährung der Positionen gibt es kaum eine Chance, eine verlässliche Abmachung zu erziehlen. Denn die Amerikaner beharren darauf, dass die US-Truppen eigenständig handeln und nicht der afghanischen Souveränität unterstellt werden. Diese Quadratur des Kreises ist unrealistisch. Sie ist zudem schlecht für alle Seiten.

Im Irak ist ein ähnlicher Versuch gescheitert. Amerikanische Kampfeinheiten sind dort nach dem Rückzug nicht geblieben, da Washington sie nicht irakischer Hoheitsgewalt unterstellen wollte. In Afghanistan wird es letztlich nicht anders sein - ganz egal, was man vorläufig vereinbaren mag. Sowohl im Irak als auch in Afghanistan ist die Lehre eindeutig: Der Westen kann beim besten Willen nicht die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bestimmen. Iraker und Afghanen müssen darum ringen, Kompromisse unter sich selbst zu finden und somit den inneren Frieden herzustellen. Diese schwierige Aufgabe kann ihnen niemand ersparen.

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