Eine Chance für Tunesien? Das werden letztlich die Frauen bestimmen

Sondron in La P@sserell: Freiheit! / La Presse: Morduntersuchung verschleppt / Al Chourouk: so wollen es die Islamisten / so kämpfen Frauen / ...indem sie die Männer belehren / Tunesia Daily: Frauen von Jihadisten vor Autofahren gewarnt ...und sexuell missbraucht / Tunis Times: Kriegsszenario Algerien auch in Tunesien?



In Tunesien soll bald eine unabhängige Regierung gebildet werden - darauf haben sich die jetzige islamistische Regierung und die Opposition verständigt. Auf diesem Weg wollen die Kontrahenten einen Ausweg aus der politischen und wirtschaftlichen Krise ebnen, die das Land seit Monaten lahmlegt. Hintergrund ist der Mord des Oppositionspolitikers Mohamed Brahmi am 25. Juli 2013 (und noch zuvor sein Kollege Chokri Belaïd). Für diese Tat machen viele Bürger die Regierung verantwortlich. Doch diese bestreitet ihre Beteiligung und erschwert eine unabhängige Untersuchung.



Das Zauberwort "Unabhängige Regierung" bedienen die rivalisierenden politischen Kräfte, um eventuell einen vorläufigen Deal möglich zu machen. Doch eine solche Regierung ist nirgends in Sicht - schon gar nicht in einem zerrissenen Land wie Tunesien, in dem die vielzitierte Arabische Revolution begann. Selbst wenn nur Experten als Minister dienen, wird die gewünsche Unabhängigkeit nicht Realität. Zum Regieren braucht man ein Konzept, das in ein konkretes Programm mündet. Doch in vielen Bereichen gibt es enorme Streitigkeiten darüber, welche Richtung die richtige ist. Diese kann man auch beim besten Willen mit der wagen Formulierung "unabhängig" nicht aufheben.

Bei dem Richtungsstreit in Tunesien geht es in erster Linie um den erbitterten Kampf zwischen Anhängern eines Gottesstaates und den Befürwortern eines weltlichen Gemeinwesens. Die Differenzen sind erheblich, wie in diesen Tagen in Ägypten zu sehen ist. Die Islamisten wollen partout die Sharia Gesetze erzwingen und vertreten dabei eine kompromisslose Haltung. Die Opposition hält zwar am Islam als ein zentraler Identitätsfaktor fest, will aber eine offene Gesellschaft aufbauen, die den Anforderungen der modernen Wirtschaft entspricht. In der Sharia sucht man vergebens nach einer Anweisung, wie man Verkehrsstaus vermeidet - bemerkte neulich ein tunesischer Oppositionspolitiker.

Am deutlichsten und auch am wichtigsten ist der Streit bei der Haltung zur Stellung der Frauen erkennbar. In Tunesien sind viele aufgeklärte Frauen auch politisch aktiv und fordern mit Nachdruck eine Gleichstellung. Gerade in der Zeit der Diktatur des langjährigen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali wurden die Frauen gestärkt und auf wichtige Rollen in Gesellschaft und Staat vorbereitet. Hinzu kommt der erhebliche franzöische Einfluss, der ja weitgehend anhält. Viele tunesische Frauen sind bereit, für ihre Freiheit zu kämpfen und einiges dabei zu riskieren. Vor allem dieser Umstand machte es für die Islamisten so schwierig, Tunesien wirksam zu regieren, obwohl sie nach der Revolution als Sieger hervorgegangen sind.

Das kleine Tunesien steht im Mittelpunkt eines faszinierenden Experiments. Hier kann vielleicht das gelingen, was in anderen Teilen Arabiens kläglich gescheitert ist - nämlich eine breite Öffnung der Gesellschaft, die unbedingt mit einer veränderten Haltung zur Stellung der Frauen einhergehen muss. Das Militärregime in Ägypten und die Diktatur in Syrien schützen die wenigen Rechte, die Frauen geniessen. Manchmal sorgen sie sogar für Aufstiegsmöglichkeiten. Früher war es auch in Tunesien der Fall. Nun öffnet sich in Tunesien die spannende Chance, dass Frauen ihre Rechte erfolgreich erkämpfen und dabei eine neue, demokratische Ordnung mitgestalten.

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