Der Nahost brennt; Unkentnisse und Wunschdenken versperren den Blick auf die Realität

Amos Biederman in Ha'aretz: Obama sieht Demokratie kommen / Avital Alter: die Jihadisten übernehmen / Ronny Gordon in Jerusalem Post: Stuhl von Assad besteht aus Leichen / Shlomo Cohen in Israel Ha'yom: der Nahost brennt; nur Israel bleibt verschont



Gerne würde ich Ihnen das orientalische Märchen vermitteln, dass der sogenannte Arabischer Frühling Freiheit und Demokratie bringt. Ich komme ja aus dem Orient. Insofern gelte ich für manche als ein Märchenspezialist. Ich könnte fortfahren und erzählen, dass die Umwälzungen in Arabien die Menschenrechte begünstigen und viele neue Chancen für die junge Generation bringen. Ich kann Ihnen gerne eine heile, schöne Welt meiner Region malen. 



Doch die Diskrepanz zwischen diesem Märchen und der Realität, die ich sehr gut kenne, hat mich schon immer davon abgehalten, in Illusionen zu verfallen. Schon sehr früh habe ich wiederholt meinen alten, weisen Landsmann Boutrous Ghali zitiert, der vor den häufigen, märchenhaften Schilderungen im Westen eindringlich warnte.

Sagen wir es klar und deutlich, damit keine Missverständnisse mehr entstehen: Was wir in Arabien seit zwei oder drei Jahren erleben, ist nicht der Wandel zur Demokratie. Was wir dort erleben ist überwiegend ein bitterer Machtkampf, bei dem keiner der entscheidenden Kontrahenten die Absicht oder die Fähigkeit hat, echte Demokratie einzuführen.

Die wichtigsten Konfliktparteien sind militante Islamisten einerseits und weltliche Modernisten andererseits. Die erste Kraft stützt sich auf einen enormen Zulauf bei den breiten Massen. Die zweite Kraft stützt sich überwiegend auf das Militär, das - wenn auch nur bedingt - gewisse säkulare Werte verkörpert. Das allerdings in einer Gesellschaft, die durch und durch muslimisch geprägt ist und sich der heiligen Schrift verpflichtet fühlt.

Die gegenwärtige Wahl ist nicht zwischen Demokratie und Diktatur. Denn in ganz Arabien fehlen schlicht und einfach die Voraussetzungen für eine demokratische und rechtsstaatliche Ordnung im westlichen Sinne. Die gegenwärtige Wahl ist zwischen Unterdrückung durch einen islamistischen Gottesstaat und einem autoritären Regime, das sich nach Lage der Dinge nur auf die Armee stützen kann.

In Europa herrscht die Tendenz, das Ritual "freie Wahl" mit Demokratie zu verwechseln. Das ist ein eklantanter Fehler, der zugleich auf Unkentniss des Orients als auch auf Wunschdenken beruht. Das tragische Ergebnis ist eine unzulängliche Politik, die durch eine inkompetende Person vertreten wird und  den Extremisten islamistischer Prägung in die Hände spielt. Diese Politik führt letztlich zu noch mehr Gewaltanwendung von allen Seiten. Ein Umdenken ist längst fällig.

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