Turbulenz in Ägypten; Schadenfreude in Syrien

Sana, Damascus: Islamisten bekämpfen syrische Vielfalt / Tishreen: die USA begünstigt Islamisten-Terror / Menschen in Arabien kapieren nicht / ...wieso sie im Stich gelassen werden



Hand aufs Herz: hat sich das jemand vorgestellt? Der berüchtigte syrische Diktator Bashar Assad hält sich weiterhin an der Macht - allen voreiligen Prognosen der diversen Experten und Wahrsagern zum Trotz. Gleichzeitig wird der hoffnungsvolle Arabischer Frühling in Ägypten, dem größten arabischen Land, zu einem Alptraum. In Syrien gibt es zur Zeit einen Stillstand, der in einigen Städten und Regionen eine gewisse (wenn auch sehr brüchige) Stabilität bedeutet. Am Nil dagegen breiten sich Chaos und Anarchie aus. Die befürchtete Perspektive eines blutigen Bürgerkriegs ist bereits Realität.



Unter diesen Umständen lohnt es sich, den Blick nach Damascus zu richten. Dort finden die regimefreundlichen Presseorgane immer mehr stichhaltige Argumente für die zentrale These, die sie bereits seit dem Anfang der Umwälzungen im arabischen Raum vor knapp drei Jahren vertreten: die innere Gefahr für uns alle ist der militante Islamismus, der zum erheblichen Teil durch die Muslim Brotherhood vertreten wird. Diese Bewegung hat ihre Wurzeln in Ägypten, doch unterhält sie mächtige Zentren auch in mehreren anderen Ländern - nicht zuletzt in Syrien selbst. Die Ansätze der Modernisierung in der arabischen Welt haben nur eine Chance, wenn die Islamisten der Muslim Brotherhood entschieden bekämpft werden.

Für die syrischen Medien steht fest, dass die USA die politische Landkarte Arabiens völlig falsch liest und interpretiert. Die USA pflegte in den letzten zwei Jahren immer engere Beziehungen zur Muslim Brotherhood, weil sie von der islamistischen Bewegung beeindruckt und verblendet wurde. Das führte dazu, dass Washington seine loyalen Verbündeten im Stich gelassen hat - nämlich die Armee und die liberalen, weltlich orientierten Kräfte in Ägypten. Nun müssen die Ägypter selbst ausbaden, was die USA an Schaden angerichtet hat. Das ist das Ergebnis einer kolossalen Fehleinschätzung, die nun viele Menschen das Leben kostet und das Land für noch längere Zeit zu einem Kriegsschauplatz macht.

Hinter dieser Bewertung der staatlichen Medien steckt viel Schadenfreude. Assad und seine Anhänger fühlen sich bestätigt und bestärkt. Sie belächeln die westliche Kritik an ihrem brutalen Vorgehen gegen die Rebellen als inkompetent, heuchlerisch und naiv. Fast täglich finden sie neue Beweise für ihre Haltung. Sie zeigen mit dem Finger auf Ägypten und fragen die Araber, die Kritiker im Westen sowie die übrige Welt auch: was ist nun ihre Vorstellung? Wollen sie etwa, dass auch in Syrien die Muslim Brotherhood und ihre Ableger die Oberhand gewinnt und das einzige Land im arabischen Raum zerstört, das immerhin einige säkulare Merkmale aufweist?

Zu allerletzt freut sich das Regime von Assad darüber, dass die arabische Front gegen ihn deutliche Risse bekommt. Saudi Arabien unterstützt massiv das Militär in Ägypten und ruft zur Unterdrückung der Muslim Brotherhood auf. Der Emir von Katar dagegen stellt die neuen Machthaber am Nil als Verbrecher dar und macht seinen einflussreichen TV-Sender Aljazeera zum Sprachrohr der Islamisten im gegenwärtigen Konflikt in Ägypten. Verkehrte Welt, oder? Trösten Sie sich damit, dass die atemberaubenden Entwicklungen im Orient aus westlicher Sicht schon immer kaum nachzuvollziehen waren.

Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:

Katar: der Westen soll in Syrien intervenieren; dafür winken gute Geschäfte!

Chemische Waffen in Syrien: alles unter Kontrolle? / Obama warns Assad over chemical weapons

_________________________________

You are welcome to follow and comment on Facebook & Twitter

Katarisch-ägyptischer Krieg in Gaza: der Emir von Katar geschlagen, Präsident Abdel Sisi geht als Sieger hervor

Katar, der Weltmeister bei Emissionen: Aufgaben für den ehrgeizigen Emir / Climate Conference opens in Doha

Schlagwörter: , , ,

Anmelden