Erdogan vs. Sisi: die Türkei driftet in Islamismus ab; in Ägypten versucht die Armee, Islamismus in Schach zu halten

Peter Schrank in Economist: Erdogan setzt neuen türkischen Teppich ein / Shlomo Cohen in Israel Ha'yom: Erdogan als Gewinner im orientalischen Schesch Besch / Cem Kisiltug in Zaman, Istanbul: Twitter als Gefahr für den Staat / Osman Turhan: Generäle am Nil belächelt



Die Türkei galt knapp über hundert Jahre als Musterschüler des muslimischen Orients. Als einiziger großer Staat mit überwiegend muslimischer Bevölkerung wurde das Land am Bosporus weitgehend säkular regiert und verwaltet. Diese ideologische und zugleich pragmatische Ausrichtung hat der Vater der modernen Türkei bereits in den zwanzigen Jahren des letzten Jahrhunderts dieser Nation in die Wiege gelegt.



Die Lehre von Atatürk wurde zweifelsohne mit großer Härte umgesetzt und mit militärischer Macht garantiert. Millionen Menschen wurden dafür verdrängt und vertrieben. Viele mussten für die epochale Umgestaltung der Türkei gar mit ihrem Leben bezahlen. Am Ende stand die Türkei als einziger muslimischer Staat da, der weltlich orientiert ist und modern wirkt. Das war die Voraussetzung für einen wirtschaftlichen Aufstieg. Das ermöglichte die Aufnahme der Türkei in die NATO und die besonderen Beziehungen zum Westen.

Unter dem islamistischen Ministerpräsidenten Recep Erdogan findet eine graduelle jedoch konsequente Abkehr von den säkularen Werten der Türkei statt. Das ist der Hintergrund für die jüngsten Unruhen im Land. Das erklärt auch den bitteren Machtkampf zwischen Regierung und Armee, der verstärkt auch über die Justiz ausgetragen wird. Erdogan ist es gelungen, seine gefährlichsten Widersacher als Verbrecher oder Verräter einzusperren. Er fühlt sich nun frei, die Türkei in seinem Sinne umzukrempeln.

In Ägypten findet zur Zeit eine gegenteilige Entwicklung statt. Vertreten durch die Muslim Brotherhood konnten die Islamisten die Macht erobern und waren dabei, das Land am Nil neu zu gestalten. Doch die Armee spürte rechtzeitig die Gefahr für die eigene Stellung sowie für die Zukunft der Gesellschaft. Unter der Führung von General Abdel Fattah el-Sisi hat sie mit Waffengewalt interveniert, um das Wenige an weltlichen Werten und Prinzipien doch noch zu retten. Dabei hat die Armee sehr erfolgreich mit gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen zusammengearbeitet, die genauso wie sie die Gefahr des Islamismus erkannten.

Mehrere Generäle und Aktivisten der säkularen Ausrichtung à la Atatürk kommen in der Türkei ins Gefängnis, während in Ägypten immer mehr Islamisten verhaftet werden. In beiden Ländern wird die Justiz eingesetzt (manche sagen: missbraucht), um dem jeweiligen Machthaber zu helfen, ihre gefährlichsten Kontrahenten für eine längere Zeit auszuschalten. Die Parallele ist frappierend. Die Methoden sind ähnlich. Doch die Entwicklung geht in eine gegenteilige Richtung und bringt die beiden, riesigen regionalen Mächte auf Kollisionskurs.

In Ägypten erleben wir einen spektakulären Aufstieg eines Mannes, der wohl politisch sehr ehrgeizig und talentiert ist. Alles deutet darauf hin, dass General Sisi vorausschauend plant und eine neue Allianz zu bilden versucht, die aus seiner Sicht auch den Westen überzeugen muss. Er sicherte sich weitgehend die öffentliche Unterstützung von liberalen Kräften. Er zeigte Entschlossenheit in seinen Bemühungen, Legitimität für die Handlungen der Armee zu bekommen. Und er ist bereits dabei zu prüfen, auf welchem Weg er am besten in das Amt des Präsidenten gewählt werden kann. Sisi hat das Zeug, sich langfristig als der neue Partner am Nil zu etablieren.

Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:

Vom Nil zum Bosporus; der regionale Verlierer heißt Recep Erdogan

Islamistischer Traum ausgeträumt: Friedliche Machtübernahme durch Muslim Brotherhood ist endgültig gescheitert

_________________________________

You are welcome to follow and comment on Facebook & Twitter

Schlagwörter: , , , ,

Anmelden