Die zweite ägyptische Revolution: Ratschläge aus dem Westen sind ausdrücklich nicht erwünscht

Al Masry Alyoum: Souvenir blutige Revolution / endlich ist Morsi weg vom Fenster / Mesryoon: was will Obama? / Blutflecken am Stuhl von Morsi / der wieder kommen will /...sitzt aber mit Mubarak im Gefängnis



Im Nahen Osten spürt man das Missverständnis zwischen Orient und Westen sehr deutlich. Das möchte ich an einem kleinem Bespiel erläutern, das ich gleich in drei Fällen dieser Tage hautnah zu spüren bekam.



Ich sitze in einem schönen Lokal. Laute orientalische Musik unterhält die Gäste, die im Schatten von Olivenbäumen den heißen Abend genießen. In Arabisch wird gemeldet, dass europäische Länder die Freilassung des abgesetzten ägyptischen Präsidenten fordern. Das Publikum lacht. "Sie leben auf dem Mond", sagt ein junger Mann. "Sie haben null Ahnung von dem, was viele Frauen im letzten Jahr hier erleben mussten" ärgert sich ein Mädchen.

Ich befinde mich bei einer Familie, die gemeinsam die Zusammenfassung der Nachrichten im Fernsehen verfolgt. Westliche Politiker und Experten werden zitiert, die Mängel am demorkatischen Prozess in Ägypten beklagt. Sogenannte Aufpasser in Sachen Menschenrechte kommen zu Wort, die fast zu Tränen gerührt sind, weil Mohamed Morsi in Haft und nicht auf dem Stuhl des Präsidenten sitzt. Kommentar der Anwesenden: "Die sollen über Dinge reden, die sie besser verstehen".

Ich werde zu meinem Hotel gefahren. Die erste Hörfunk Nachricht lautet, dass nun auch die USA Erleichterungen der Haftbedingungen für Morsi fordert. Diverse Ratschläge folgen, wie nun die Ägypter den politischen Prozess weiterführen mögen. "Die haben aber Sorgen", sagt ein wütender Mitfahrer, "fällt denen nichts Besseres ein? Haben sie etwa die Situation in Afghanistan im Griff, wo sie seit über zehn Jahren als Besatzungsmacht auftreten? Sind sie nicht im Irak kläglich gescheitert?"

Diese zufälligen orientalischen Stimmen habe ich ohne eigenen Kommentar vernommen. Ich habe keine Worte gefunden, die Überheblichkeit in Schutz zu nehmen, die bei den Stellungnahmen aus verschiedenen Hauptstädten zum Ausdruck kommt. Ich wollte heute nur berichten, dass diese quasi Anweisungen hier im Orient gar nicht gut ankommen. Sie wirken nicht nur unrealistisch. Sie sind direkt kontraproduktiv. Sie verletzten die vielen Menschen, die nach eigener Wahrnehmung nun eine zweite Revolution durchführen müssen, um sich von den Fesseln der Islamisten zu befreien.

Lesen Sie bitte auch diese Beiträge:

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Fetus ägyptische Revolution; Lebenszyklus Arabischer Frühling

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