Sinnlose, globale Datenstaubsauger: EU & USA im Spionageklinsch

Shlomo Cohen: moderne Freiheit / Dave Brown in Independent: Obama am europäischen Tisch / Agora Vox: Mithören ist alles! / Stephff in Courrier International: ist das unser Hero?



In den letzten Tagen habe ich etliche Artikel und Kommentare über die diversen Abhörskandale gelesen. Recht haben die Kollegen und Kolleginnen, die die USA mit scharfen Worten kritisieren. Diese Art der Ausspionierung von Freunden ist auf keinen Fall hinnehmbar. Die Praxis mit den Wanzen sowie mit systematischer Überwachung von Email Verkehr muss eingestellt werden. Den globalen Datenstaubsaugern, die uns alle ausspähen (übrigens auch von europäischen Hauptstädten aus) muss das Handwerk gelegt werden.



Den oben erwähnten Kommentaren hätte ich eigentlich nichts hinzuzufügen. Darum habe ich mich bisher zurückgehalten. Mein Beitrag wäre überflüssig. Besser als die bisherige Welle der Empörung kann ich mein persönliches Entsetzen nicht zum Ausdruck bringen. Schon gar nicht in Deutsch.

Dann habe ich aber die Reaktion des US-Präsidenten Barack Obama gehört. Er meldete sich aus Afrika zu Wort und sagte sinngemäss folgendes (ich spitze die Bedeutung seiner Äusserung etwas zu, bleibe aber immer noch im Rahmen): ich verstehe nicht, was das Ganze soll. Diese vielen Daten brauche ich überhaupt nicht. Wenn ich von Angela Merkel oder von Francois Hollande etwas erfahren will, rufe ich sie einfach an.

Mir ist natürlich sehr gut bekannt, dass Politiker nicht immer die Realität wahrhaftig darstellen. Mit der Wahrheit ist es ohnehin so eine Sache. Sie hat ja viele verschiedene Aspekte, je nach dem, wie man sie betrachtet. Doch diesmal glaube ich Obama aufs Wort. Ich glaube fest daran, dass er von den Millionen oder gar Milliarden abgehörten und ausgespähten Gesprächen und Mails null Ahnung hat. Er hat sie nie gehört oder gelesen.

Mein Fazit ist absolut eindeutig. Diese aufwändige Überwachung von Freunden (und übrigens oft auch von Feinden) bringt sehr wenig. Sie bringt wahrscheinlich überhaupt nichts. Sie ist zum überwiegenden Teil eine Routine der staatlichen Bürokratie. Ein Relikt aus alten Zeiten. Sie ist im besten Fall ein Arbeitsbeschaffungsprogramm gigantischer Dimensionen. Sie taugt aber nicht, um dem Präsidenten wichtige Entscheidungshilfe in die Hand zu geben.

Die merkwürde Festellung von Kanzlerin Angela Merkel über die vernetzte Welt ("Internet ist Neuland") drückt die veraltete Denkweise aus, die in den jüngsten Skandalen so dramatisch und deutlich wurde. Die Geheimdienste von vielen Staaten - die Amerikaner stehen da keineswegs allein! - setzen moderne Technologie in überalteten Konzepten aus vergangenen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ein. Was kommt dabei heraus? Gähnende Langeweile!

Diese globale Beschäftigungstherapie ist alles andere als intelligent oder effizient. Sie ist ein Anachronismus, der der Vergangenheit angehört. Die vielen Arbeitskräfte, die sich mit Ausspähung und Überwachung befassen, können ihre Talente viel besser anderswo einsetzen. Wie und in welcher Form? Das ist die richtige, neue Herausforderung für die atlantische Freundschaft.

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