Ist die Türkei Europa-tauglich oder nicht? Zunächst Selbstfindung, erst dann Verhandlungen

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Noch nie in den letzten Jahrzehnten war die Türkei so deutlich von Europa entfernt. Doch noch nie in den letzten Jahrzehnten war die Türkei so deutlich bestrebt, ein Teil von Europa zu sein. Wie kommt es dazu? Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?



Die größere Entfernung ist eine politische Konsequenz der Umorientierung, die in der Türkei seit mehreren Jahren verstärkt stattfindet. Weg von den säkularen Prinzipien, die der Gründer der modernen Türkei durchgesetzt hatte. Hin zu einer Identität, die die muslimische Religion und die Glorie alter Zeiten in den Mittelpunkt stellt. Und das noch mit dem Ehrgeiz verbunden, eine Art neues osmanisches Reich wiederzubeleben, das die ganze muslimische Welt an oberster Stelle führt.

Die verstärkte Bestrebung der Türkei, dennoch ein Teil von Europa zu sein, ist mit der Vorstellung verbunden, dass der alte Kontinent viel mehr als bisher muslimisch geprägt sein soll - wie eben in vergangenen Zeiten. Die Türkei unter Recep Erdogan sieht sich als eine Macht, die am europäischen Tisch wirken soll, um die kulturelle und religiöse Vielfalt direkt mitzugestalten. Dieses Herzensanliegen des türkischen Ministerpräsidenten entspricht dem Umstand, dass Europa in der Tat ein Zuhause für immer mehr gläubige Muslime geworden ist.

Der aufgezeigte Widerspruch kann innerhalb der Institutionen der europäischen Union nicht aufgehoben werden. Das spüren die Vertreter der Länder Europas sehr gut. Darum sind sie nicht bereit, ernsthaft über den Beitritt der Türkei in die EU zu verhandeln. Zurecht erwartet Europa von der Türkei, dass der Richtungskampf innerhalb dieses Landes zunächst innenpolitisch entschieden wird. Erst dann kommen Verhandlungen in Frage, ob und wie die Türkei in die EU aufgenommen wird.

Argumente Für und Wider eine Aufnahme der Türkei in die europäische Union gibt es zuhauf - wirtschaftliche, politische, kulturelle und andere. Doch erstmal muss die Türkei für sich selbst definieren, wohin sie steuert. Eine realistische Betrachtung zwingt zu der Aussage, dass der Prozess der Selbstfindung der Türkei noch viele Jahre oder gar Jahrzehnte andauern wird. Daran führt kein Weg vorbei. Schon gar nicht, solange Erdogan die Türkei so beeinflusst und lenkt wie bisher.

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