Türkischer Frühling: Parteizentrale in Izmir brennt; Erdogan beschimpft die sozialen Netzwerke als Bedrohung

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Es gibt eine deutliche Parallele zwischen dem Arabischen Frühling und dem Türkischen Frühling, den Städte wie Istanbul, Ankara und Izmir in den letzten Tagen so intensiv erleben. Die vielleicht auffallendste Parallele ist die angebliche Gefahr, die von den sozialen Netzwerken ausgeht. Diese werden nun von Ministerpräsident Recep Erdogan als eine Bedrohung für die Gesellschaft verstanden. Nicht umsonst. Denn über Facebook und Twitter kommunizieren oft die Demonstranten, die gegen das autoritäre Regime von Erdogan protestieren.



Etwas ähnliches haben wir in den letzten drei Jahren in Arabien erlebt. Die autoritären Machthaber, die in Bedrängnis kamen, beschimpften die neuen Medien, die sie kaum kontrollieren können. Auch bei Protesten im Iran hat das Regime der Ayatollahs die digitalen, sozialen Netzwerke zu verteufeln versucht und teilweise sogar gekappt. Es ging darum zu verhindern, dass die meist jungen Menschen sich abstimmen, um ihre Wut auf die islamistische Führung zum Ausdruck zu bringen.

Von den dramatischen Entwicklungen der letzten Tage abgesehen lohnt sich ein kurzer Rückblick, der den Aufstieg von Recep Erdogan und seine islamistische Partei AKP erklärt. Nach dem Zerfall der Sowjetunion bekamen mehrere türkisch-sprechende Völker und Stämme eine historische Chance, ihre Identität neu zu definieren - und zwar ausserhalb der rigiden kommunistischen Ideologie und ohne Bindung an die bisher dominierende russische Kultur. Diese Völker haben sich naturgemäss an die Türkei gewandt. Gleichzeitig wuchs unter türkischen Intelektuellen und Politikern das Bedürfnis nach einer Orientierung, die sich den neuen Gegebenheiten anpasst.

1998 landeten türkische Truppen in Bosnien, um im Rahmen einer NATO Mission die muslimische Bevölkerung auf dem Balkan von Krieg und Massakern zu befreien. Die Berichte und Bilder von diesem Einsatz haben einen tiefen Eindruck hinterlassen. Die türkische Gesellschaft entdeckte wieder die Glorie des osmanischen Reiches. Der Wunsch ist gewachsen, als Retter der muslimischen Völker aufzutreten, die teilweise - wie im ehemaligen Jugoslawien - unter christlicher Dominanz stark gelitten haben.

Erdogan und die islamistischen Kräfte, die ihn unterstützen, nutzten diese Lage sehr gezielt und gekonnt. Sie versuchen seit langem, der türkischen Gesellschaft und dem türkischen Staat eine neue Ausrichtung zu verpassen. Weg von der engen Anbindung an den Westen. Hin zur Vertiefung der Gemeinsamkeiten mit den Völkern des Orients, die meist dem muslimischen Glauben in allen seinen Schattierungen stark verbunden sind. Hierzu passt auch die Vorstellung eines neuen Zentrums Türkei, das kulturell und politisch von der Mongolei bis hin zum Balkan ausstrahlt und feste Bindungen und Partnerschaften auch im arabischen Raum bildet.

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